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Futtersuche

"Schierling oder Futter?" Eine kleine Geschichte über meine Anfänge als Meerschweinfuttersammler.

Der erfahrene Meerschweinchenhalter sieht seine Umwelt anders, als andere Menschen. Normale Menschen freuen sich beim Spazieren gehen einfach über das Grün der Natur und sehen es sich an. Geht aber ein Meerschweinchenhalter durch die Natur, dann überlegt er, dass er Gras für die Tiere mitnehmen könnte, welche Bäume und Blumen fressbar sind und welche nicht. Fröhlich springt der Meerschweinchenhalter im Sommer über die Wiesen, pflückt schnell und mit geübtem Blick Gräser, Blumen und Kräuter aller Art um seine geliebten Fellbündel damit zum Schweigen zu bringen. Auch mich sieht man dieser Tage oft in freier Wildbahn bei dieser Betätigung, häufig belächelt, bestaunt und verwundert ausgefragt von vorbeiziehenden Spaziergängern. Ich weiß genau was ich will und wo ich die leckersten Pflanzen finde ... aber das war nicht immer so. Jedesmal wenn ich wieder die Frage lese: "was dürfen Meerschweinchen fressen und wie sieht es aus?" denke ich an meine Anfänge als Meerschweinsklave - und ich fühle das dringende Bedürfnis anderen Anfängern zu zeigen: aller Anfang ist schwer!

Mein erster Frühling als Meerschweinneuhalter war gekommen, längst hatte ich gelesen, dass ich von nun an verpflichtet bin, täglich hinaus ins Grüne zu gehen um Futter zu besorgen. In das Grüne, welches mir als ursprünglichem Stadtmenschen unbekannt und gefahrvoll erscheint. Als Kind in einer Hochaussiedlung aufgewachsen kannte ich nur gemähte Wiesen auf denen Gänseblümchen und Löwenzahn und Schilder auf denen "Betreten verboten" stand wuchsen. Ich wusste aus vielen Erzählungen, dass die Natur gefährlich ist. Es gab Zecken, Bienen, Wespen, Spinnen und anderes Getier in der Natur - aber ich musste es wagen, ich wollte ein guter Meerschweinhalter werden.

"Immerhin, was Gras ist weißt Du schon, da kannst Du nichts falsch machen"... dachte ich, zog mich dick an um mich vor Ungeziefer zu schützen, schwang mich auf mein Rad und fuhr ins Grüne. Dort angekommen bemerkte ich meinen ersten Fehler - Tüte vergessen - kreativ wie ich bin verwandelte sich dann mein Halstuch in eine Sammeltasche und es konnte los gehen. Mutig fing ich (schwitzend) an, die ersten Grasbüschel zu reißen - langes, dünnes dunkelgrünes Gras - ja so sieht Gras wohl aus, das wird wohl richtig sein. Wenige Schritte weiter - wieder Gras, aber breites, hellgrünes, kürzeres und gefächertes Gras, ich wurde unruhig - es sah auch nach Gras aus. Wieder einige Schritte weiter, rundliches, langes Gras mit einem Büschelchen oben drauf - auch Gras??? In mir wuchs langsam die Gewissheit, dass ich keine Ahnung von Gras hatte. War das alles das Gras von denen mir berichtet wurde das Meerschweins es gern fressen? Oder aber waren das ganz andere Pflanzen, giftige Pflanzen? In mir stieg ein mulmiges Gefühl auf. Ich rupfte von jeder Sorte "Gras?" etwas ab und nahm es mit. Zuhause angekommen traute ich mich erstmal nicht so recht, es meinen Tieren zu geben. Aber ich hatte Glück, Jutta war da, sie hatte ein Pferd und konnte mir erklären, dass es jede Menge Futtergräser gibt und man eigentlich alles was lang und grün ist geben kann. Sie meinte auch Getreide wäre nur kultiviertes Gras und auch die grünen Halme davon wären gutes Futter. Ok dachte ich, was für ihr Pferd gut ist ... muss aber noch lange nicht gut für die Mucker sein. Das "Gras?" verschwand erstmal im Kühlschrank und nach langem Googeln und Bildervergleich wurde mir langsam bewusst, das es unglaubliche viele Grassorten gibt - und ich konnte mit einiger Gewissheit sagen, dass Meereschweinchen sie alle vernichten dürfen. Und sie vernichteten die paar handvoll Gras in windeseile und hören von da an nicht mehr auf nach Gras zu schreien.

Diese Hürde war geschafft - ich traute mir langsam zu Gras pflücken zu gehen. Genau genommen blieb mir nichts anders übrig wenn ich diesen Tinnitus den ich seit dem hatte abstellen wollte. Aber als guter Meerschweinhalter muss man auch andere Dinge ran schaffen, Dinge wie Giersch, Schafgarbe, Spitzwegerich und so Kram. Ok, Löwenzahn kannte ich (auch wenn ich die Blumen erstmal nicht mitgenommen habe, etwas später veröffentlichte Frau Meier in der DMSL den wundervollen Artikel über Löwenzahn der mir klar machte, dass mein einziges Wissen über Wildpflanzen, nämlich das der weiße Saft des Löwenzahns giftig ist, nicht stimmt), aber meine Tiere wollten mehr und das sagten sie jeden Tag aufs neue. Sie standen da, mit ihrem hypnotischen Blick und zwangen mich, raus zu gehen und Futter zu holen. In meinen Träumen wurde ich von riesigen Meerschweinchen in den Dschungel gejagt um Grünfutter zu holen und sie muigten und muigten das einem Angst und Bange wurde.

Also kaufte ich mir Bestimmungsbücher, suchte im Internet nach Bildern und fand sie auch. Ich fand z.B. zig Bilder und Beschreibungen von Giersch und sie alle unterschieden sich mitunter sehr extrem. Mal waren es hellgrüne zarte Blätter, mal sah man auf den Bildern weiße Blüten, mal dunkelgrüne, dickere Blätter. Wie sollte ich das Zeug erkennen wenn ich es traf? Die Rettung nahte in Form eines Nachbarn. Diesen fragte ich mutig, ob er was dagegen hätte wenn ich in seinem wildwucherndem Garten den Löwenzahn pflücke. Er war natürlich sehr einverstanden damit, erklärte mir, dass er schon lange nichts mehr im Garten macht und ich könnte da alles wegpflücken was meine Meerschweins mögen.

In dem verwilderten Nachbarsgarten wuchs allerhand Zeugs, irgendwas davon konnte schon Giersch sein, auf Anfrage sagte er, "jo, da wächst Giersch - da Hinten". Ich schaute auf die große Fläche mit allen möglichen Pflanzen die "da Hinten" lebten. Die Brennnesseln erkannte ich - nachdem ich sie berührt habe - ihr dürft nun lachen, aber ich wusste echt nicht was das war, ich kannte das Zeug nicht und habe erst so festgestellt, woher sie ihren Namen haben. OK, aber der Rest, was davon ist Giersch? Der Nachbar war mittlerweile wieder im Haus verschwunden und ich traute nicht nochmal zu fragen. Also pflückte ich ein Pflänzchen ab, welches mir gierschig erschien und nahm es mit an den Computer. Google google und schon hatte ich zig Bilder die der Sache ähnlich sahen - entgültige Gewissheit erlangte ich, als ich das Zeug probierte - denn ich hatte gelesen es schmeckt ein wenig nach Petersilie und das tat es. Meine Schweinebande war um ein Futtermittel reicher - und noch lauter am Schreien wenn das Zeug nicht jedesmal mitgeliefert wurde.

Aber der ganze andere Kram der auf den Futteremittellisten steht (die ich teilweise selbst zusammengetragen habe, denn theoretisch kannte ich mich auch da schon gut aus), wollte ja auch rangeschafft werden, langsam arbeitete ich mich voran, sah mir Bilder an, nervte alle Leute damit ob sie wüssten wie diese oder jene Pflanze aussieht, ich befragte wildfremde, ältere Leute im Park ob sie zufällig wissen ob diese Pflanze Kamille wäre und bekam nicht selten merkwürdige Blicke und alberne Antworten. In meinem Hinterkopf schwirrte noch dazu die Warnung von meinem Trockenkräuterverkäufer im Kräuterlädchen herum. "Laien sollten besser keine Kräuter suchen, das kann schnell böse enden". Er hatte mir die Geschichte erzählt, wie ein Bekannter ihm stolz seinen selbst gesammelten Nappenkörffel zeigte - welchen er sofort als Schierling erkannte. Hätte dieser Bekannte das Zeug wirklich zu Tee verarbeitet dann hätte er sich den Schierlingsbecher gegeben, Kulturell bewanderte Menschen wissen, dass dies zwar Tradition hat, sich aber sehr sehr negativ auf die Gesundheit und das Leben an sich auswirkt.

So zog ich sammelnd über die Prärie, immer im Hinterkopf "Schierling oder Futter?"

In dem Sinne, viel Spass beim sammeln, suchen und erkunden - ich kenne bisher bestimmt schon 1 % der Futterpflanzen in der Nachbarschaft und bin mächtig stolz drauf, so weit gekommen zu sein.

Grasfressschweins

Diese kleine Geschichte ist viele Jahre alt, mittlerweile befasse ich mich sogar beruflich mit Meerschweinchenfutter und habe viel dazu gelernt, aber immer noch kommt es häufig vor, dass ich vor einer Pflanze auf der Wiese stehe und mich frage: "was soll das nun wieder sein?".