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Vergesellschaftung einer Kaninchengruppe

Eine gelungene Freundschaft zwischen Jung und Alt

Ein Erfahrungsbericht von Christina Anderwald

Vorgeschichte

Seit ungefähr sechs Monaten leben der kastrierte, neun Monate alte "Frederick" und das sechs Monate alte Widdermädchen "Frida" bei uns. Jedoch konnten wir vor kurzen ein neun Jahre altes Kaninchenpaar "Hase" und "Hasi" aus einer schlechten Haltung bei uns aufnehmen. Sie lebten ihr ganzes Leben lang auf engstem Raum, in ungepflegtem Stall und schlechter Ernährung.

Hase wurde in seinem bisherigen Leben sehr aggressiv und war ständig am brummen, ist total verfettet durch das schlechte Trockenfutter und hat Hasi alles weggegessen. Hasi hingegen war völlig abwesend gegenüber allem. Kein Geräusch hatte sie mehr wahrgenommen. Sie hatte vor vielen Jahren einen komplizierten Bruch am Hinterläufer, mit einem einjährigen, nicht all zu gutem Heilungsprozess. Doch leider konnte sie nie ihre Muskeln in den kleinen Stall aufbauen. So blieb sie schwach. Und das operierte Bein wurde fast lahm. Hinzu kommt, dass sie seit über einem Jahr ein entzündetes Auge hatte, welches die meiste Zeit von der Schwellung geschlossen war. Sie wird sicherlich seit einer Ewigkeit Schmerzen an ihrem Auge und Beinchen gehabt haben und auch der Schnupfen macht ihr bestimmt zu schaffen. Sie durfte immer nur das essen, was Hase ihr übrig gelassen hatte - und musste ständig zurückstecken.

Als wir dann beschlossen, sie bei uns aufzunehmen wussten wir, ein ganz neues und vor allem größeres Gehege musste her. Also opferten wir unser Büro und errichteten dort ein ungefähr 15 m² großes Gehege größtenteils aus Sperrmüll sowie alten Möbeln. Aus alten Sperrholzbrettern bauten wir bewegliche Wände mit Türen, aus alten Weinkisten wurden Höhlen. In einem alten Sideboard sägten wir Durchgänge ins Holz, so dass drei Höhlen nebeneinander entstanden. Als Teppichleisten nutzten wir ein altes Lattenrost.

Fotos von dem Gehege gibt es hier:
Gehegevorstellung: das Kaninchenzimmer

Kaninchen

Der Tag der Vergesellschaftung

Als die zwei alten Hasen auf vernünftige Ernährung umgestellt und mittlerweile frei von Würmern und Pestiziden waren, durften sie endlich einziehen.

Wir hatten eine so große Angst, die zwei wilden und frechen, jungen Hüpfer mit den völlig apathischen, kranken und schwachen alten "Hasens" zusammenzuführen. Als Hase und Hasi nun bei uns eintrafen, war es so weit. Alle vier Hoppels kamen gleichzeitig in das neue Gehege. Frida und Frederick waren hin und weg und mussten sofort alles auskundschaften. Hase und Hasi konnten mit dem riesigen Platz um sie herum zuerst gar nichts anfangen. Sie waren verwirrt und überfordert. Doch nach einigen Sekunden trafen sich schon all ihre hektisch wackelnden Nasen. Sie beschnüffelten sich, ignorierten sich aber auch schnell wieder, denn für Frida und Frederick gab es erst mal viel zu viel zu erkunden und neue Sachen zum erschnüffeln.

Hase und Hasi war das nicht ganz geheuer. Sie suchten sich schnell einen sicheren Platz im Sideboard. Die kleine, pubertierende und freche Frida bemerkte schnell, dass die zwei sehr wehrlos waren und fing an, sie des Öfteren im Sturzflug zu berammeln.

Einige Stunden später kamen sich Frederick und Hase näher und dann ging es los... sie besprangen sich wie zwei Löwen und ich war kurz davor, hinein zu gehen. Doch plötzlich war es vorbei - Hase war mit seinen Kräften und seinen 2100 Gramm am Ende und lag platt und erschöpft am Boden. Er hat so heftig geatmet, dass sein ganzer Körper wackelte und bebte. Er hatte verloren. Er hat sich in seinem ganzen Leben noch nie so angestrengt und bewegt wie in diesem Moment. Jedoch war er tapfer. Er versuchte weiterhin, die neue Höhle in der Hasi und er Zuflucht gefunden hatten, zu beschützen. Allerdings war von dem Moment an alles klar - und für Frederick schon alles gelaufen. Hase war ab jetzt sein neuer Freund und Hasi seine zweite Frau.

Bis zum dritten Tag ging es recht ruhig aber auch nicht all zu friedlich zu. Sobald Hase und Hasi sich mal zum Essen herausgewagt hatten, scheuchte Frida sie gerne wieder weg. Frida berammelte sie beide und unterdrückte sie sehr. Ich hatte wirklich große Sorgen. Ich reichte ihnen extra Futter direkt an den Eingang der Höhle und begann, den beiden mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Dennoch war es für Hasi nicht einfach. Sie bekam viermal täglich Augentropfen, gegen ihren Schnupfen eine lästige Spritze in den Mund und dann auch noch "Bene-Bac" obendrein. Sie stand schwer unter Stress und fand in der neuen Umgebung keine Ruhe, sich richtig einleben zu können.

Kaninchen

Zwei Tage vergingen. Frida bemerkte allmählich, wie liebevoll und fürsorglich Frederick zu den "Hasens" ist und die meiste Zeit bei Ihnen verbringt. Es entstand eine dreier-Knutsch- und Schmuse-Beziehung, und Frida wollte von nun an dabei sein. Sie war von jetzt auf gleich total lieb, sozial und zurückhaltend zu Hase und Hasi. Sie hat die Lust auf Berammeln und Unterdrücken verloren.

So ging es für kurze Zeit weiter... doch einige Tage später... als Frida damit begann, sich ständig und immer wieder unter Hasi zu schmusen, war Hasi scheinbar noch eingeschnappt. Hasi hat sich offenbar gedacht, "jetzt zeig ich auch mal dass ich stark bin". Plötzlich ging sie auf Frida los, die schnell verstand und sich wehrte. Die zwei waren verknotet in einem braun-weissen Wollknäuel. Das war nun doch zu heftig, so dass ich dazwischen gehen musste.

Von da an fühlte Hasi sich richtig stark und ist die Herrin unter den Kaninchendamen geworden. Wenn Hasi zickig wird oder ihren Willen nicht bekommt :-) kneift sie den Anderen in den Hintern. Naja, Frida und Frederick sind schon weggehoppelt ehe Hasi eine Stelle zum zubeissen gefunden hat... oder einen Versucht gestartet hat sie auf drei Beinen im Schneckentempo zu scheuchen :-) Freddy und Frida scheinen es sehr locker wegzustecken, denn zwei Minuten später kehren sie zu Hasi zurück...

und lassen sich von ihr über den Kopf schlecken :-)

Von dem Zeitpunkt an lässt sich niemand mehr unterdrücken. Keiner fühlt sich untergebuttert, vernachlässigt oder unwohl. Die alten Hasen leben von Tag zu Tag immer mehr auf, erfreuen sich am großen Gehege, tollem Futter und ihren neuen Spielkameraden. Es gibt immer wieder etwas Neues zu entdecken, sei es nur, neben Frederick zu sitzen und gespannt dabei zuzuschauen, wie er wieder alle Toiletten auf den Kopf stellt.

Mittlerweile kommen sie täglich schneller zum Futternapf geflitzt, wollten bei allem der Erste sein und versuchen manchmal, den ein oder anderen Haken zu schlagen. Jeder darf sich zu jedem in die Höhle schmusen. Keiner wird verscheucht. Sie stopfen sich manchmal zu viert in die kleinste Höhle die es gibt, Hauptsache sie sind alle nah genug beieinander. Niemand fühlt sich unsicher und sogar so wohl, dass sich jeder querbeet mit ausgestreckten Beinchen mitten ins Gehege legt. Sogar Frida und Hasi scheinen in den letzten Tagen beste Freundinnen geworden zu sein.

Ich bin gespannt, was noch alles passiert, aber ich wünsche mir dass es so bleibt und kein Gitter zwischen die vier gestellt werden muss. Es wäre sehr schade, denn ich habe das Gefühl, sie haben sich mittlerweile sehr gerne. Vor allem Frederick und Hase mögen sich besonders. Denn Frederick ist eigentlich ein sehr Gemütlicher und mochte an Frida nie, dass sie so hektisch ist und keine drei Minuten gemütlich liegen bleiben konnte. Der dicke, kuschelweiche Hase bleibt zwei Stunden am Stück auf einem Fleck sitzen. Das scheint Freddy zu mögen und genießt es sehr. Zwischendurch ein bisschen Fellpflege, dann wird zusammen weiter gedöst :-)

Es ist wunderschön zu sehen, wie der Charakter eines neun Jahre alten Kaninchens mit solch verkümmertem Gemüt sich in einer so kurzen Zeit wieder positiv aufrappeln kann. Es ist unglaublich, was für eine vielfältige Persönlichkeit im tiefsten Inneren eines Kaninchens stecken kann, wenn man ihm einfach nur die Möglichkeit gibt sich frei zu entfalten und ihm alles für ein glückliches Leben zur Verfügung stellt.

Ich bin mir sehr sicher, dass dieses Happy-End dem großen Gehege mit vielen Unterschlupf- und Beschäftigungsmöglichkeiten zu verdanken ist. So hatten die Kaninchen jederzeit die Möglichkeit, sich während der Kennenlern-Phase an vielen Stellen zurückzuziehen. Die einbahnstraßenlosen Höhlen waren in so manchen Situationen sehr wertvoll. So ist es so gar nicht erst zu Streit gekommen. Nach und nach konnten sich die Vier mehr oder weniger ungezwungen kennenlernen. Ich denke, eine Vergesellschaftung von so gegensätzlichen Charakteren würde im kleineren Gehege eventuell komplizierter verlaufen.

Kaninchen

Heute

Unser "Hase" ist heute er sehr ausgeglichen. Er ist alles andere als aggressiv - eher unglaublich lieb und schüchtern. Und er braucht sehr viel Liebe. Er macht einen zufriedenen und ruhigen, aber allmählich auch immer lebhafteren Eindruck. Jeder mag ihn und liebt es sich an ihn zu kuscheln und sich vom ihm stundenlang abschlecken zu lassen.

"Hasi" lässt sich von niemanden mehr etwas gefallen. Sie ist selbstbewusst geworden. Auch Hase wird (mühsam und mit Kräften aus drei Beinchen :-)) berammelt, um ihm zu zeigen dass sie jetzt über ihm steht... nur leider schläft Hase dabei weiter :-) Schnell gibt sie auf und leckt ihm lieber wieder das Gesicht. Wenn ihr irgendwer im Weg steht, wird er verscheucht. Sie ist mit Frida die Erste am Futternapf und reißt den Anderen die leckersten Sachen aus dem Maul. Sie findet es toll, Kräuter aus der Hand zu fressen und auf Erkundungsgang zu gehen, um herumzuklettern. Sie scheut vor nichts zurück. Sie liebt es, sich abends gemeinsam mit Frederick in ein stilles Eckchen zurückzuziehen.

"Frederick" ist ein stolzer junger Mann. Sehr aufmerksam, sozial, lieb und scheu gegenüber uns Menschen. Er braucht lange, bis er Vertrauen zu uns hat. Dafür ist er absolut schmusebedürftig gegenüber seinen Artgenossen. Er braucht ständig diesen Körperkontakt - und das stundenlang. Er versteht sich mit allen prächtig und steht nach wie vor ganz oben in der Hierarchie. Manchmal habe ich das Gefühl, er passt auf alle Anderen auf, kümmert sich um alles, lauscht nach Gefahren und schlichtet Streit :-)

Als der achtwöchige, kleiner Wurm "Frida" zu Frederick hinzu kam, war die Rangordnung schnell geklärt. So ist es bis heute. Nur das Frida nach wie vor ein kleiner, aber auch sehr lieber Teufel ist. Sie ist im Gehege verdammt schnell und geschickt unterwegs. Niemand bekommt sie. Sie ist hektisch und ein Zappel-Phillip, dazu absolut menschenbezogen und würde am liebsten permanent das ganze Gesicht gekrault und den ganzen Körper durchgeknetet bekommen. Sie will mehr mit Menschen schmusen als mit Kaninchen. Sie dreht auf, wenn wir Menschen in Sicht sind und kann sich nicht entscheiden, ob sie vor Freude Männchen machen oder Haken schlagen soll. Scheue kennt sie nicht. Bei schnellen oder lauten Bewegungen über ihrem Kopf freut sie sich noch mehr und wird neugieriger als sie schon ist.

Fazit

Ich habe zwei Wochen am Stück direkt am Kaninchenstall verbracht, um die Entwicklung und das Verhalten jedes einzelnen Kaninchens genau zu beobachten. Jetzt weiss ich, diese nervenraubende Zeit hat sich gelohnt.

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es nicht unmöglich ist, die unterschiedlichsten Kaninchen zu einer friedlichen Gruppe zusammenzuführen. Das Zusammenführen von (sehr) Jung und (sehr) Alt ist bekanntlich nicht sehr einfach und auch nicht empfehlenswert. Stellt man jedoch die notwendige Umgebung bereit und hat den Willen, die Geduld sowie die notwendige Selbstdisziplin, so löst sich das kaninchen- gesellschaftliche Problem eventuell von selbst. Wichtig ist mittelfristige Beobachtungsbereitschaft, da sich die Situation unter den Kaninchen minütlich ändern kann. Von Schlecht zu Gut - aber auch andersherum.

Mehr Bilder des Geheges und der Bewohner finden Sie hier:

kaninchen-halten.de

Dieser Erfahrungsbericht, sowie die Fotos wurden uns freundlicherweise von Christina Anderwald zur Verfügung gestellt. Der Text und die Fotos stehen unter ihrem Urheberrecht! Es ist nicht erlaubt, Text und/oder Fotos ungefragt zu kopieren oder Fotos direkt zu verlinken.