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Abszesse beim Meerschweinchen

Anzeichen:

Sichtbare Abszesse am Körper bilden sich im Normalfall direkt unter der Haut, z. B. nach OPs an den Narben, oder auch durch kleine Verletzungen meist im Halsbereich. Sie sind als Verdickung erkennbar/sichtbar und auch leicht tastbar.

Ebenfalls kommen leider häufiger Kieferabszesse vor. Diese Form der Abszesse sind meist zuerst äußerlich nicht sichtbar, nur selten tastbar. Sie äußern sich oft zuerst durch verminderte Nahrungsaufnahme (verbunden mit Gewichtsverlust) beim Tier, durch starkes Sabbern, stärkere Kaubewegung, Zahnveränderungen (Fehlstellungen, Verdickung) und durch deutliche Anzeichen von Schmerzen bei der Nahrungsaufnahme.

Die tierärztliche Untersuchung und Behandlung muss sofort nach dem Erkennen des Abszesses beginnen, je früher behandelt wird, umso größer sind die Heilungschancen!

Entstehung:

Durch kleine Verletzungen (z. B. durch Rangkämpfe, oder auch Verletzungen an Ästen oder Heu), oder auch durch OP Narben (häufig auch durch die kleinen Löcher die nach dem Fäden ziehen entstehen, wenn vorher nicht gründlich desinfiziert und die verschmutzen Fäden durch die Wunde gezogen werden. Deshalb sind späte Kastrationsabszesse nicht selten) dringen Bakterien (Streptokokken, auch Staphylokokken, Pasteurellen, verschiedene Enterobakterien) ein. Diese verursachen eine eitrige Entzündung. Es bildet sich eine eitergefüllte Kapsel (ein durch Gewebeeinschmelzung entstandener Hohlraum). Kieferabszesse werden meist durch eine Zahnfehlstellung verursacht, in dem Fall wachsen die Zähne in die Backen der Tiere, was zu Entzündungen im Rachenraum führt und dort ebenfalls zu Abszessen führen kann. Ebenfalls kann es durch Heuhalme zu Verletzungen im Maulbereich kommen - die eine Abszessbildung nach sich führen. Zu starker Druck beim Kauen (auf harten Pellets oder auf Getreidekörnern) führt nicht selten auch zu Reizungen und in der Folge zu Abszessen an der Zahnwurzel - in dem Fall bildet sich ein Abszess im Kieferbereich.

Diagnose:

Eine eindeutige Diagnose wird vom Tierarzt gestellt. Auf keinen Fall sollte ein Laie einen Abszess öffnen oder selber behandeln! Um eine eindeutige Diagnose zu stellen, wird der Abszess punktiert - d.h. der Tierarzt sticht den Abszess an und entnimmt eine Probe des Inhalts. Meist ist eine Kultur unnötig, da der Eiter schon beim punktieren hervorquillt und durch Geruch und Konsistenz leicht als Eiter zu identifizieren ist.

Therapie:

Es gibt mehrere Therapiemöglichkeiten. Ist der Abszess reif, an einer gut erreichbaren Stelle und das Tier sonst bei guter Gesundheit, empfiehlt sich die chirugische Entfernung des Abszesses. In dem Fall wird das Tier betäubt und der Abszess wird samt Abszesskapsel entfernt. Es bedarf dann keiner weiteren Behandlung, allerdings wird natürlich nach so einer OP mindestens 5 Tage lang ein Antibiotikum gegeben und die üblichen OP Vor- und Nachsorgeregeln müssen eingehalten werden. Es ist auch möglich, nach der Reinigung des Abszesses diesen mit Kalzium-Hydroxid zu versiegeln.

Die häufiger angewendete Therapie ist die Spaltung des Abszesses. Dabei wird der Abszess großzügig aufgeschnitten und der Eiter durch herausdrücken oder ausschaben entfernt. Anschließend wird die Abszesshöhle gespült. Zum Spülen verwenden wir Rivanol®, die Tabletten werden in Wasser aufgelöst, damit entsteht eine gelbliche Spüllösung. Ebenfalls geeignet ist Fibrolan®. Es wird in einer schwachen Kochsalzlösung (NaCI 0,6 - 0,9 %) aufgelöst, hat allerdings den Nachteil, dass es nicht lange haltbar ist. Mitunter wird auch das Spülen mit Wasserstoffperoxidlösung (3%) oder Kaliumpermanganat empfohlen. Allerdings reizt es das Gewebe und ist in der Handhabung für Laien nicht ganz einfach. Wir empfehlen das Spülen mit Wasserstoffperoxidlösung deshalb nicht.

Bei festem Eiter ist es ratsam, nach dem ersten Spülen einen Leukase N Kegel® einzusetzen, je nach Abszessgröße auch mehrere Kegel. Je nach Abszess Größe kann es sinnvoll sein, in der ersten Woche nach jedem Spülen einen neuen Leukase N Kegel® einzusetzen.

Es ist notwendig, den Abszess bis zur entgültigen Ausheilung täglich zu öffnen und zu spülen. Nur so ist sicher gestellt, dass sich der Abszess nicht wieder mit Eiter füllt. Eine Belüftung des Abszesses ist ebenfalls deshalb ratsam, damit die anaeroben Bakterien schneller absterben.

Diese Behandlung ist für das Tier und den Halter sehr unangenehm. Etwas angenehmer wird es, wenn das Tier zum Spülen nicht zum Tierarzt gebracht wird, sondern der Halter sich zeigen lässt wie er selber spülen kann und der Tierarzt nur einmal in der Woche die Wunde kontrolliert. So kann das Tier in gewohnter Umgebung verbleiben und es entfällt der Stress des Transportes.

Folgendermaßen wird gespült: Vorab wird die Kruste die sich auf der Wunde bildet entfernt. Dazu weichen wir die Kruste mit warmen Kamillentee auf und kratzen sie dann von der Wunde (es wird anfangen zu bluten, das ist normal und sollte nicht unterbunden werden). Anschließend wird eine Spitze mit der Spüllösung gefüllt (es wird immer die saubere Spritze befüllt - ohne aufgesetzte Kanüle. Auf keinen Fall mit der Kanüle in die Spüllösung, sonst wird diese verunreinigt). Auf die Spritze wird eine Knopfkanüle aufgesetzt. Mit der Knopfkanüle wird die Abszesshöhle gründlich gespült bis kein Eiter mehr kommt. Wird mehr Spüllösung benötigt, wird vor dem erneuten Befüllen der Spritze die Kanüle wieder abgezogen um die Lösung nicht zu verunreinigen.

Das Spülen wird täglich durchgeführt. Es wird so lange durchgeführt, bis der Abszess vollständig von Innen nach Außen abgeheilt ist.

Bei schweren Abszessen oder wenn sich weitere Krankheitszeichen zeigen (Gewichtsabnahme, Aktiviätsverlust etc.) kann es sinnvoll sein, dem Tier ein Antibiotikum zu verabreichen. Die im Eiter enthaltenen Bakterien können über die offene Wunde in den Blutkreislauf gelangen und zu einer Entzündung von Organen führen. Ob eine solche Therapie sinnvoll ist und welches Antibiotikum gegeben werden sollte wird der Tierarzt entscheiden. Sinnvollerweise nimmt er dazu vorab eine Probe und stimmt das Antibiotikum auf den Bakterienbefall ab. Hat das Tier große Schmerzen, kann es vorrübergehend auch sinnvoll sein, ein Schmerzmittel zu verabreichen, gute Erfahrungen haben wir mit Metacam gemacht.

Wenn es mit dem Tier möglich ist, sollte das Meerschweinchen aus der Großgruppe genommen und mit nur einem Artgenossen zusammen, von den übrigen Artgenossen separiert werden. Eine Haltung auf sauberen Tüchern ist ratsam. Es ist notwendig, die Umgebung des Tieres täglich gründlich zu reinigen. Sollte das Tier sehr unter der Isolation leiden, so dass es die Nahrungsaufnahme verhindert, ist es möglich, das Tier zum Fressen in die Gruppe zu setzen (allerdings erst einige Stunden nach der Behandlung, wenn eine dicke Kruste über der Abszessöffnung ist). Nimmt es dann auch keine Nahrung auf, ist es nötig zu päppeln, mehr dazu hier: Zwangsernähren von Meerschweinchen.

Einen Erfahrungsbericht zum Thema Abszess beim Meerschweinchen und unerklärliche Futterverweigerung finden Sie hier:
Erfahrungsbericht Ginos Futterverweigerung und Abszessbehandlung

Quellen unter anderem

Gabrisch und Zwart Krankheiten der Heimtiere; Schlütersche; Auflage 2005 (und Studienausgabe 1989)

Anja Ewringmann/ Barbara Glöckner Leitsymptome bei Meerschweinchen, Chinchilla und Degu / Diagnostischer Leitfaden und Therapie

Isenbügel Heimtierkrankheiten

Ilse Hamel Das Meerschweinchen als Patient

Kraft; Hein; Emmerich Dosierungsvorschläge für Arzneimittel bei Kleinnagern, Kaninchen und Frettchen; Schattauer

Peter C. Berghoff Kleine Heimtiere und ihre Erkrankungen

Walter Baumgartner, Klinische Propädeutik der inneren Krankheiten und Hautkrankheiten der Haus- und Heimtiere, Verlag Parey, 6. Auflage 2005

Weitere Quellen hier: Quellen der Nager Info